900 Stimmen für ein Fest, bei dem alles stimmt

Vom ersten Zebra und der Mäuseplage bis zum aktuellen Riesenchor: Wie die Lühnder das Jubiläum von Ort und Kirche gefeiert haben

Lühnde. „Wind Nord-Ost, Stadtbahn Null-Drei. Bis hier hör’ ich die Motoren“, stimmten mehr als 900 Sänger bei der 900-Jahr-Feier in Lühnde an. Claudia Fulda, musikalische Leiterin des Algermissener Gospelchores, übernahm am Sonnabend die Aufgabe, aus 900 Kehlen einen Chor zu formen. Sie hatte den Teilnehmern im Vorfeld versichert, dass jeder einzelne Mut haben sollte, „denn bei 900 Leuten kann stimmlich nichts schief gehen“.

Der Riesenchor war einer der Höhepunkte beim Doppel-Jubiläum am Wochenende: Dorf und Kirche wurden 900 Jahre alt. Das Programm konnte sich sehen lassen. Es bot drei Tage lang viele Attraktionen für alle Altersgruppen. Drei Jahre hatte eine Crew von etwa 30 Helfern am Programm gebastelt.Einer von ihnen ist Jens Volland. Auf einer Skala von Eins bis Zehn bewertete er seine Zufriedenheit mit dem Fest am Sonnabend mit einer „eindeutigen Zehn“. Volland hatte die Idee mit dem 900-Stimmen-Chor. Bevor dieser auftrat, gestand er der Menge, dass er Gänsehaut habe und vor Monaten nicht gedacht hätte, so viele Sänger zusammenzubekommen.

Während der Chor „Über den Wolken“, „Danke für diesen guten Morgen“ und „Die Gedanken sind frei“ sang, waren die Stände und Buden im Bereich der Kirche und in angrenzenden Straßen fast leergefegt. Das änderte sich aber wieder: Unter anderem gab es einen Mittelaltermarkt, Bullenreiten, Kirchenführungen, diverse Kinderaktionen und eine Rallye.Pascal Scheller, der bis zum vergangenen Jahr in Lühnde gewohnt hatte, war fasziniert vom meterlangen Zeitstrahl ab dem Jahr 1117 bis 2017. Mit seiner Mutter Kerstin ging er die Jahrzehnte und Jahrhunderte ab und las sich Wissenswertes durch.

Diese gestand, dass sie wenig über den Ort, in dem sie seit 2007 lebt, wisse. „Ich mache hier Geschichtsunterricht mit meinem Sohn.“ Der war voll des Lobes für das Fest. „Es ist sehr ansprechend durch die Vielzahl an Möglichkeiten.“

Erstaunt war Kerstin Scheller, dass es 1675 in Lühnde eine Mäuseplage gab und um 1780 das erste Zebra nach Deutschland kam. Der Lühnder Joseph Bruns war ein weltberühmter Seiltänzer und Artist. Von seinen Auftritten in fernen Ländern hatte er das erste Zebra nach Deutschland gemacht.

Ein Modell des gestreiften Tieres hatte der Nachwuchs des Querks Kindergartens mit Unterstützung von Krippenkindern und Erzieherinnen aus Pappmaché, Kleister und Draht angefertigt. Das Zebra zierte am Sonnabend die Balancier-Station des Kindergartens und wird vielleicht – so die Überlegung der Erzieherinnen – beim Sommerfest ihrer Einrichtung versteigert.

Neben dem Zebra, das ausgesprochen lange Wimpern hatte, zählten die zahlreichen Aussteller des Mittelaltermarkts, die an ihren Ständen und Zelten Einblicke in die Vergangenheit vermittelten, zu den Hinguckern. Ernst-Georg Arp aus Schleswig-Holstein verblüffte als Taschenspieler. „Das Becherspiel ist das RTL-Programm des Mittelalters“, weckte er die Neugierde der Zuschauer. Während es ihm gelang, kleine Bälle durch zwei Becherböden hindurch zu transportieren, legte der vierjährige Philip eine kleine hölzerne Armbrust an und zielte auf eine, wenige Schritte entfernte Glocke. Seine Oma Gabriele Weidehaus war mit ihm zum Fest gekommen. Auch sie war des Lobes voll: „Weil Lühnde so etwas auf die Beine gestellt hat und so viele Helfer beteiligt sind.“

NACHGEFRAGT

Feiern – aber mit Gemütlichkeit und Ruhe

Herr Kowalski, wie wurde eigentlich im Mittelalter gefeiert?

Sehr ausgiebig und lange. Die Leute haben viel gegessen und getrunken. Sie ließen sich damit Zeit. Man saß in den Abendstunden lange zusammen nach einem 14- oder 16-Stunden-Tag.

Können die Menschen des 21. Jahrhunderts beim Feiern von den Leuten des Mittelalters lernen?

Eine Menge: Gemütlichkeit und Ruhe. Sie sollten sich Zeit nehmen fürs Essen, um zusammensitzen und Dinge zu planen. Kurz gesagt: Alles mit Muße anzugehen.

Warum ist das Mittelalter noch heute aktuell?

Das hat was mit Romantik zu tun. Das Mittelalter kennt man aus Film und Fernsehen. Es ist der Wunsch dem Technologiezeitalter zu entfliehen und der Ruhe, der Natur, dem Leben, was es nicht mehr gibt, näherzukommen.

Jörg Kowalski aus Hannover. Der 49-Jährige hat den Mittelaltermarkt in Lühnde organisiert

Sind Mittelalterfeste eigentlich authentisch?

Nein. Das können sie auch nicht sein, dann müssten wir alle handgewebte Stoffe tragen, handgeschnitzte Schwerter, unser Essen selbstanbauen, aus einem einzigen Krug trinken. Mittelaltermärkte wollen möglichst nahe an die Authentizität, sie sollen aber auch die Besucher erfreuen, unterhalten und eine Brücke zwischen Mittelalter und der heutigen Zeit schlagen. Es gibt authentische Märkte, sie bestehen aus einer eher kleinen Gemeinde.

Sonst gelten die Börde-Bewohner ja als zugeknöpft – wieso ist das heute in Lühnde anders?

Das liegt an der Kombination aus 900-Jahr-Feier und dem Mittelaltermarkt. Es ist die Atmosphäre. Die lockert den Geldbeutel und hebt die Stimmung.

 

Text, Foto und Interview von Mellanie Caglar

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